Hilfe der Komplementärmedizin bei ADHS-Kindern

Sie haben den Eindruck, dass Ihr Kind Schwierigkeiten hat, aufmerksam zu sein, dass es impulsiv oder sogar hyperaktiv ist. Heisst dies zwangsweise, dass es ein Aufmerksamkeitsdefizit mit oder ohne Hyperaktivitätsstörung (ADHS/ADS) hat?
Oder ein Arzt hat bei Ihrem Kind ADHS/ADS diagnostiziert und Sie möchten die Einnahme von Ritalin vermeiden. Welche Methoden der Komplementärmedizin können helfen? Wie können wir unseren Kindern am besten helfen, ohne sie zu stigmatisieren?
Wir haben den folgenden zwei Expertinnen die Frage gestellt:

 

  • Silvia Testi-Schöb ist Dipl. Komplementär Therapeutin OdA KTTC Methode Kinesiologie und ist Inhaberin der Kinesiologie Praxis in Flums. Nach ihrer Ausbildung zur Dipl. Kinesiologie Master AKH hat sie sich auf die Problematik der Kinder und Jugendlichen spezialisiert, denn sie konnte ihre Erfahrungen als Mutter und Grossmutter sowie 10-jährige Erfahrung mit der Arbeit mit Kindern miteinbringen.
  • Elena Arici ist Psychologin und hat seit 15 Jahren 2 Praxen für Neurofeedback, Lerncoaching und Sozialkompetenztraining in Winterthur und Stäfa. Sie arbeitet zusätzlich als Dozentin an der Fachhochschule Nordwestschweiz, bei Fabian Grolimund (mit Kindern lernen) und an diversen Neurofeedback-Schulen.

In diesem Artikel gehen die zwei Expertinnen genauer auf ihre Methoden ein und geben ihre Erfahrungen weiter.

Drei Dinge, die Sie sich aus diesem Artikel merken sollten:

Ein Aufmerksamkeitsdefizit mit oder ohne Hyperaktivitätsstörung (ADHS/ADS) muss von einer qualifizierten Person zum Beispiel mit QEEG diagnostiziert werden.

Vermeiden Sie es, Ihr Kind in der ADHS/ADS- Box zu stigmatisieren. Ein Kind, das ADHS-Symptome zeigt, kann auch einen kinästhetischen Lernstil haben und sollte demnach anders lernen. Zudem zeigen Kinder mit Unterforderung oftmals Symptome, die denjenigen von ADHS/ADS gleichen. Auch eine Lernschwierigkeit oder ein Trauma kann sich in Form von Konzentrationsschwierigkeiten zeigen.

Komplementäre Methoden sind eine sehr gute Option, die man in Betracht ziehen sollte, bevor man sich für ein lebenslanges Medikament wie Ritalin entscheidet.

Woran erkennt man, dass ein Kind ADS/ADHS hat ?

Silvia Testi-Schöb : Eine seriöse Beurteilung/Diagnose ist nicht einfach und sehr zeitaufwendig, denn sie bedarf einer umfassenden Abklärung durch Spezialisten wie Ärzte oder Psychologen in mehreren Sitzungen.

Diese Abklärung ist erst ab dem 4. Lebensalter möglich. Bei der Differentialdiagnose ADS/ADHS muss von andern psychischen Störungen abgegrenzt werden können.

Elena Arici : Die Symptome von Kindern mit ADHS/ADS sind folgende: Ablenkbarkeit, Impulsivität, Hyperaktivität. Jedoch sollte eine Diagnose nicht einfach so per Interview gestellt werden. Denn die gleichen Anzeichen können auch unterforderte Kinder oder Kinder mit Traumata zeigen.
Deshalb empfiehlt es sich, mit Hilfe eines QEEGs die Hirnwellenmuster des Kindes genauer zu betrachten.
Dafür wird eine 19-stellige QEEG-Ableitung der Hirnwellen bei geschlossenen und geöffneten Augen sowie unter einem Konzentrationstest gemacht. Die Daten werden ausgewertet und in sogenannte Gehirnlandkarten umgewandelt. Diese Brainmaps vergleicht man mit einer Datenbank Gleichaltriger.
Auf der Hirnebene gibt es 4 verschiedene AD(H)S-Typen, in verschiedenen Hirnarealen und mit unterschiedlichen Hirnwellenmustern:

  • Theta-Subtyp: Dieser spricht gut auf Methylphenidat (Ritalin) an. 60% der Personen mit AD(H)S zeigen diesen Subtypus.
  • Alpha-Subtyp: Vor allem unter einer Leistungssituation sieht man, dass die Hirnregionen mittels Alphawellen in den Standby-Modus gehen. 28% der Personen mit ADHS gehören diesem Typus an.
  • Beta-Subtyp: Dieser zeigt ein Ungleichgewicht zwischen langsamen und schnellen Wellen im vorderen Hirnbereich. Und zwar dominieren die schnellen Wellen. 13-20% gehören diesem Beta-Subtyp an.
  • Frontal-Midline-Theta-Subtyp: Hohe Thetas auf der Mittellinie. Meist kein guter Erfolg mit Medikamentierung.

Die verschiedenen Typen sind im Buch von Müller/Candrian/Kropotov beschrieben (ADHS Neurodiagnostik in der Praxis. Springer Verlag, 2011)

Gibt es eine medizinische Diagnose ?

Silvia Testi-Schöb : Ja, durch einen Spezialisten für ADS/ADHS; das kann ein Arzt oder Psychologe sein. Eine ADHS/ADH Diagnose kann innerhalb von 4 Stunden oder längstens zwei Testtagen gemacht werden. Aus meiner 10-jährigen Erfahrung reicht dies aber nicht, um die Problematik des Kindes ganzheitlich zu betrachten. Schliesslich wird danach eine Diagnose erstellt, die das Leben vom Kind erheblich verändern wird. Zu der ADHS/ADH-Diagnose sollte aus meiner Sicht der Lerntyp/Verhaltenstyp des Kindes auch abgeklärt werden und deutliche Hinweise geben, die sich nur mit einer Beobachtung über mehrere Monate zeigen können.

Elena Arici  : Das QEEG sollte in die Diagnose miteinfliessen, denn es ist äusserst zuverlässig. Für die weiterführende Therapie interessiert uns jedoch keine Diagnose, sondern ob uns das Gehirn Stress oder Unteraktivierung zeigt. Dies kann direkt mit dem Neurofeedback verbessert werden.

Wie kann Ihre Methode helfen ?

Elena Arici : Das Neurofeedback funktioniert so: Der Klient sitzt vor dem Monitor, angeschlossen an ein EEG. Er steuert nun mit seinen Hirnwellen einen Film. Jeweils dann, wenn der Klient weniger Schlaf- oder Stresswellen produziert, läuft der Film ohne Unterbruch. Zeigt er zu langsame oder zu viele Stresswellen, stockt der Film.

Das Gehirn lernt dadurch sehr schnell, welche Wellen eher erwünscht sind, und beginnt diese, vermehrt zu zeigen, was zu einer besseren Funktionsfähigkeit des Gehirns führt.

Das Neurofeedback setzt bei der Regulation der Hirnwellen an. Durch die positive Rückmeldung bei konzentrationsfördernden Hirnwellen erlernt das Gehirn über eine längere Zeit diese zu fördern. Somit nehmen Symptome wie Impulsivität, Ablenkbarkeit, Konzentrationsschwierigkeiten oder Hyperaktivität ab.

Das Training kann man mit dem Erlernen einer Sportart vergleichen. Man muss regelmässig golfen, klettern oder Tennis spielen bis man richtig gut darin ist. So ist es auch mit dem Gehirn. Alles was ich regelmässig mache, wird vom Gehirn erlernt und automatisiert. Deshalb braucht ein Neurofeedback auch regelmässiges wöchentliches Training. Man geht von 40 Trainingssessions aus, bis das Gehirn ohne Neurofeedback gut konzentriert sein kann.

Silvia Testi-Schöb : Durch eine ganzheitliche Methode werden in der Kinesiologie verschiedene Bereiche mit verschiedenen Methoden und Techniken ausgeglichen. Dank eines Muskeltests ist eine spezifische Balance für jedes einzelne Kind möglich.
Auf eine sanfte Art wird das Lernen, Konzentrieren aber auch das Leben leichter und es werden Selbstwert und Selbstvertrauen gestärkt. Und dies ohne Medikamente.

Ab welchem Alter kann man anfangen ?

Silvia Testi-Schöb : Ab dem 1. Schuljahr, damit wir nicht zu früh in das Entwicklungsgeschehen einwirken.

Elena Arici : Das Neurofeedback hilft Kindern ab 5 Jahren, Jugendlichen und Erwachsenen bei der Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit, Ausdauer und Stressbewältigung, indem das Gehirn in seiner Flexibilität geschult wird. Neurofeedback wird von der NASA und von AC Milan für Peak Performance (Förderung von Spitzenleistungen) eingesetzt und ist eine wissenschaftlich anerkannte Methode.

Ist Ihre Methode mit der Einnahme von Medikamenten wie Ritalin kompatibel ?

Elena Arici : Neurofeedback kann ohne weiteres mit Medikamenten gemacht werden. Mit der Zeit ist es möglich, dass die Dosierung des Medikaments reduziert werden kann, da das Gehirn nun selbst für die verbesserte Regulation sorgt.

Silvia Testi-Schöb : Leider nein, weil durch das Ritalin das ganze Denkvolumen und vor allem die Gefühle blockiert werden. Dadurch ist die Kommunikation mit Körper, Geist und Seele nicht mehr vollumfänglich möglich. Was ich leider auch schon erfahren habe.

Andere Empfehlungen für Kinder mit Verdacht auf ADS/ADHS ?

Elena Arici :Die Kombination von Neurofeedback und Lerncoaching hat sich in unserer Praxis sehr bewährt. Mit dem Neurofeedback wird das Gehirn optimal aktiviert und das Lernen wird erleichtert. Das Lerncoaching hilft, die entstandenen Stofflücken zu schliessen und die eingespielten Vermeidungsstrategien beim Lernen (Wutanfälle, Müdigkeit, Machtkämpfe) zu verändern.

Silvia Testi-Schöb : Meine Empfehlung zu diesem Thema allgemein: Lassen Sie Ihr Kind seriös durch einen Spezialisten diagnostizieren. So ist die Diagnose ADS/ADHS erstellt und kann auch zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufgegriffen werden.
Leider zeigt meine Erfahrung mit Kindern in der Kinesiologie, dass es auch andere Gründe für diverse Symptome wie z.B. zappelig sein, Konzentrationsmangel usw. gibt. Ist Ihr Kind vielleicht ein Kinästhetischer Typ?
Wenn man sich zuerst mit den Lerntypen befasst wie auditiver/visueller/ kinästhetischer Lerntyp, ist das Abklären ob ADS/ADHS meistens nicht mehr oder nur gering notwendig. Geben Sie Ihrem Kind eine Chance.
Lesen Sie doch die Nebenwirkungen von Ritalin durch und Sie werden sehen, dass Sie Ihrem Kind damit mehr Probleme schaffen als ohne Medikamente, was auch für andere Medikamente in diesem Themenbereich gilt.
Natürlich gibt es auch andere Therapieformen, die helfen könnten, aber dazu sollte erst einmal der Lerntyp des Kindes und alle Problematik bekannt sein und abgeklärt werden. Hier kann die ganzheitliche Komplementär-Therapie sehr viel Positives beitragen.

Hat die Ernährung einen Einfluss auf ADHS/ADH ?

Gemäss dem ADHS- Verein Deutschland hat sich die Wirksamkeit von Diäten bei ADHS-Symptomatik in den meisten Studien nicht nachweisen lassen, mit Ausnahme von der oligoantigenen Diät.

Forscher des Universitätsklinikums Freiburg untersuchten im 2017, ob die Vermeidung einzelner Lebensmittel bei Kindern mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) die Symptome lindert. Dabei gibt es erste Erfolge

Der ADHS-Verein hat eine gute Zusammenfassung der Ergebnisse geschrieben:

Die oligoantigene Diät ist noch keine regelhafte Behandlung bei ADHS, wird aber empfohlen, wenn die Betroffenen zusätzlich über körperliche Symptome klagen, die auf Allergien und/oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten hinweisen.

Mit der anfangs der 90iger Jahre durchgeführten Studien zur „Wirksamkeit einer oligoantigenen Diät bei Kindern mit expansiven Verhaltensstörungen“ konnte nachgewiesen werden, dass bei entsprechender Veranlagung neben Farb- und Konservierungsstoffen auch unterschiedliche Nahrungsmittel zu Verhaltensauffälligkeiten führen können. Was nun durch neuere Studien aus den Niederlanden nochmals bestätigt wurde. Aber auch hier ergaben Bluttests (weder IgE- noch IgG-Testungen) keine Information darüber, welche Nahrungsmittel ADHS bei den Kindern hervorgerufen haben (zuletzt: Pelsser et al 2011).

Es verbleibt somit die Frage nach den zugrunde liegenden pathophysiologischen Mechanismen. Unverträglichkeitsreaktionen unterliegen verschiedenen Pathomechanismen und bei Allergien üblicherweise angewandte Prick- und RAST-Tests erfassen nur zirkulierendes und an Mastzellen gebundenes IgE. Der seinerzeit mit den Studien zur oligoantigenen Diät gegebenen Empfehlung, die Wirkmechanismen dieser Diät (Frage einer allergischen Pathogenese/immunologischer Vorgänge) in weiteren Studien zu überprüfen, wurde bis heute nicht nachgekommen.

Bei einem nicht zu vernachlässigenden Teil von Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen kann eine Ernährungsumstellung jedoch eine wirksame ergänzende Behandlungsmethode darstellen, für einige wenige sogar ein Ersatz zur medikamentösen Therapie sein.

Bei Verdacht auf eine nahrungsmittelinduzierte ADHS-Symptomatik sollte daher, die Akzeptanz der Betroffenen vorausgesetzt, die nach Prof Egger modifizierte oligoantigene Diät als Behandlungsverfahren in ein multimodales Therapiekonzept einbezogen werden. Sie ist nicht kostspielig, aber zeitlich aufwändig. So konnte beobachtet werden, dass eine ADHS-Symptomatik bei entsprechender Veranlagung durch individuell unterschiedliche Nahrungsmittel verstärkt oder sogar ausgelöst wird.Die hierbei auftretenden körperlichen Symptome sind im Einzelnen:

  • Abdominelle Symptome (Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfallneigung, Verstopfung, Darmblutungen, Erbrechen)
  • Kopfschmerzen (insbesondere migräneartige Kopfschmerzen mit Übelkeit, Erbrechen, Blässe, Lichtscheu, Sehstörungen und Migräne-Epilepsie-Syndrom)
  • Hautsymptome (Neurodermitis, Urtikarielles Exanthem, Periorales Exanthem, Blässe/Augenringe/gerötete Ohren)
  • Chronische Rhinitis
  • Gliederschmerzen
  • Orale Ulzerationen
  • Sonstige möglicherweise nahrungsmittelinduzierte Symptome (Schlafstörungen, Infektanfälligkeit, unklare Fieberschübe)

Die oligoantigene Diät (Basisdiät, mehrfache Eliminationsdiät, die bestimmte Nahrungsmittel und Zusatzstoffe weglässt, die häufig Auslöser für Nahrungsmittelallergien-/unverträglichkeiten sein können) wird für 3-4 Wochen zur Austestung angewandt und sollte durch eine Diätassistentin begleitet werden.

Sie sollte jedoch nicht gegen den Willen des Kindes/ Jugendlichen durchgeführt werden. Weiterhin sollten die Voraussetzungen für eine konsequente Umsetzung in der Familie bzw. dem Umfeld gegeben sein.

Vor dem Beginn der oligoantigenen Diät muss die Diagnose (Differentialdiagnostik) abgeschlossen sein. Bei Kindern mit Aufmerksamkeitsstörungen sollten Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnisleistungen vor und nach der Basisdiät getestet werden. Während der Basisdiät führen die Eltern und ggf. auch Erzieher und Lehrer sogenannte Conners-Skalen (Fragebögen zur Verhaltensbeurteilung). Dies alles ist ausschlaggebend dafür, ob die oligoantigene Diät abgesetzt wird, falls sie keine Wirkung gezeigt hat oder die reintroduktive Phase (Wiedereinführungsphase) beginnt.

In der Wiedereinführungsphase werden die Nahrungsmittel und Nahrungsmittelzusätze einzeln, in normalen Mengen, jeweils 5 Tage lang und bei Verträglichkeit wieder dauerhaft eingeführt; hierbei werden ebenfalls die Conners-Skalen geführt. Auf diese Art und Weise können Nahrungsmittel und Nahrungsmittelzusätze identifiziert werden, bei denen die ADHS-Symptomatik verstärkt auftritt oder durch die sie ausgelöst wird.

Auslasszeit und Wiedereinführungsphase können nach drei Monaten abgeschlossen sein. Sie können aber bis zu sechs Monate dauern, wenn der Wunsch besteht, einzelne chemische Zusatzstoffe auszutesten. Die oligoantigene Diät ist somit keine dauerhafte Ernährungsform sondern eine zeitlich begrenzte diagnostische Diät, die die Grundlage bildet für individuelle Diätempfehlungen.