Sich bei Herzoperation psychologisch begleiten lassen

Unser Herz ist nicht nur ein wichtiges Organ sondern auch der symbolische Sitz unserer Gefühle, unserer Emotionen, der Liebe, des Lebens.

Können heute viele Herz-Kreislauf-Erkrankungen operativ behandelt werden, so ist die psychologische Auswirkung solcher Operationen nicht zu unterschätzen.

Alexander Hofstetter ist psycho-sozialer Berater in Luzern. Anlässlich seiner Herzklappenoperation stellte er fest, dass bei dieser Art von Operationen kaum psychologische Unterstützung während der prä- und der postoperativen Phase angeboten wurde. Er vertiefte das Thema im Rahmen seiner Diplomarbeit, die ihm im April 2017 die Organisation eines Workshops bei der Schweizerischen Herzstiftung zu diesem Thema einbrachte. In folgendem Artikel erläutert er die psychologischen Herausforderungen einer solchen Intervention und wie man sich helfen lassen kann.

Welches sind Ihres Erachtens die psychologischen Herausforderung für Herzpatienten?

Da könnte man ganz viel dazu schreiben. Es beginnt damit, dass das Herz nicht nur der biologische Mittelpunkt, sondern auch das moralische Zentrum ist. Das Herz gilt als Sitz der Seele, der Liebe, des Schmerzes, der Freude, der Leidenschaft und der Sehnsucht.

Eine Krankheit oder eine Operation am Herzen wird von den Patienten oft als sehr bedrohlich erlebt. Bei fünfzig Prozent sind Ängste kurzzeitig relevant und werden medikamentös behandelt. Depressionen oder depressive Verstimmungen sind auch sehr häufig – etwa fünfzig Prozent sind davon betroffen. Zudem ist das Durchgangssyndrom weit verbreitet. Dies ist eine psychologische Auffälligkeit, welche rund einen Drittel aller Patienten betrifft. Die Auffälligkeit zeigt sich zum Beispiel in Bewusstseinstrübungen, Desorientierung so wie in paranoiden Ideen oder Stimmungsstörungen. Weiter können Anpassungs- und Belastungsstörungen sowie sexuelle Probleme auftreten.

Neben den oben genannten Facts ist die Themenvielfalt in der Beratung von Herzpatienten sehr facettenreich. Einige davon sind:

  • Lebensgewohnheiten verändern
  • Risikofaktoren minimieren
  • Wiedereinstieg in die Arbeitswelt
  • Emotionale Veränderungen
  • Soziales Umfeld
  • Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit
  • Selbst- und Fremdbestimmung

„Dazu kommt, dass jeder Mensch ein Individuum ist und den Eingriff oder die Krankheit unterschiedlich erlebt und verarbeitet.“

Zu welchem Zeitpunkt ist eine Beratung sinnvoll?

Eine Beratung vor dem Eingriff wäre wünschenswert. Hier könnte das soziale Umfeld mit einbezogen und könnten offene Fragen diskutiert werden. Im Spital und während der Rehabilitation ist man gut begleitet, die Zeit nach der Rehabilitation wird allerdings von vielen Betroffenen als grosse Herausforderung erlebt. Dies ist eigentlich schon Grund genug, sich beraten zu lassen. Dank der Forschung weiss man, dass die eigenen und sozialen Ressourcen eine wesentlich höhere Bedeutung in der Krankheitsbewältigung haben als die Art und die Schwere der Erkrankung. Der Prozess der Krankheitsbewältigung entscheidet massgeblich, ob ein Patient eine zufriedenstellende Lebensqualität entwickelt. Beratung und Begleitung würde diesen Prozess positiv beeinflussen.

Es ist sicherlich nie zu spät sich Hilfe zu organisieren.Das Ziel der Beratung ist, die Lebensqualität zu steigern indem psychische und/oder soziale Probleme der Ratsuchenden gelöst werden. Es wird erarbeitet, wie sich soziale Probleme auf die Psyche auswirken und wie sich psychische Probleme auf das Sozialleben auswirken. Bei Patienten findet man zusätzlich heraus, wie sich die gesundheitlichen Themen auf die Psyche und das Sozialleben auswirken. Es sollen neue und positive Erfahrungen gemacht und gesammelt werden. Es wird nach Lösungen und neuen Zielen gesucht.

Wie können die Familie oder enge Freunde Unterstützung bieten?

Ich denke indem sie mit dem Thema offen und unverkrampft umgehen. Wichtig ist es, die betroffenen zu Fragen was sie sich wünschen. Die einen brauchen viel Ruhe, andere geniessen die Anwesenheit der Familie und der Freunde. Kurz nach einem Ereignis ist die Energie eher reduziert und deshalb verständlich, wenn kaum Besuch erwünscht ist.

In meinem persönlichen Fall fühlte ich mich zum Beispiel während der Rehabilitation nicht wohl. Über Besuche freute ich mich sehr, sie gaben mir Kraft und Zuversicht.

Wenn man Zuhause ist und alles weniger bedrohlich wirkt, zieht sich das Umfeld eher zurück. Ich ermuntere alle, weiterhin für die Betroffenen und deren „Familie“ da zu sein. Eine Einladung zum Essen oder ein begleiteter Spaziergang kann den Heilungsprozess positiv unterstützen.

Wichtig finde ich auch, dass der Partner oder die Partnerin vom Umfeld unterstützt wird. Denn für sie ist die Situation auch sehr herausfordernd.

Welches Buch passend zum Thema empfehlen Sie?

Es ist sehr schwierig ein Buch zu empfehlen, da die Themen weit auseinandergehen. Für meine Arbeit habe ich Inhalte aus über zwanzig Büchern verarbeitet.

Empfehlenswert sind sicherlich die Broschüren der Schweizerischen Herzstiftung, oder wenn es Sie interessiert, meine MAS Thesis „Psychosoziale Beratung von Herzpatienten“. Wenden sie sich für diese per Mail direkt an: info@ahberatung.ch.

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