Lebensmittelintoleranz: «Verzichten Sie auf Selbstdiagnose!»

Gluten- oder laktosefreie Ernährung ist im Trend. Bevor jedoch auf ein Lebensmittel verzichtet wird, ist es sinnvoll, einen Experten oder eine Expertin zu konsultieren.

Sandra Mikhail aus Zürich ist diplomierte Ernährungsberaterin und bekannte Bloggerin im Bereich Ernährung. Sie leidet selber an einer Laktoseintoleranz und hat sich auf Lebensmittelallergien und -intoleranzen spezialisiert.

Sie erklährt in diesem Artikel den Unterschied zwischen Lebensmittelallergie und -intoleranz und gibt Ihnen Tipps für den Fall, dass Sie eine Glutenintoleranz- oder allergie vermuten

Was denken Sie, wieso immer mehr Menschen Lebensmittelallergien und -intoleranzen entwickeln?

Bis heute gibt es dazu keine verlässlichen Informationen, es werden allerdings Hypothesen evaluiert. Die populärste Theorie hängt mit der berühmten «Hygiene-Hypothese» zusammen: Da wir in der frühen Kindheit weniger Erregern und Infektionen ausgesetzt seien, soll das Risiko, eine Allergie zu entwickeln, steigen. Ein weiterer Grund könnten auch bessere Diagnose-Tools sein. Zusätzlich diagnostizieren sich immer mehr Menschen selber, was ebenfalls dazu beitragen könnte, dass es immer mehr PatientInnen mit Lebensmittelallergien und -intoleranzen gibt.
Zurzeit wird eine weitere Theorie untersucht, die mir ziemlich plausibel erscheint: Wenn nach dem Abstillen erst relativ spät kritische Lebensmittel wie Nüsse, Eier oder Soja verabreicht werden, könnte das Risiko für eine Allergie steigen. Deswegen empfehlen neue Studien und Richtlinien, kritische Lebensmittel gleich beim Abstillen zu verabreichen. Sie sehen, es ist nicht so einfach, die Ursachen zu benennen und es werden laufend weitere Studien erarbeitet.

Was ist der Unterschied, zwischen einer Intoleranz und einer Allergie und wie kann eine Diagnose gemacht werden?

Einfach ausgedrückt: Eine Lebensmittelallergie ist die Reaktion des Immunsystems gegen ein spezifisches Protein, welches vom Körper als gefährliche Substanz behandelt wird. Die Antwort des Immunsystems auf dieses Protein beinhaltet die Ausschüttung von Allergie-Antikörpern, sogenannten lgE-Antikörpern. Darauf folgen dann allergische Reaktionen unterschiedlicher Art. Das können geringe Symptome wie etwa Hautausschläge oder Juckreiz sein, oder aber gefährliche Symptome wie das Anschwellen der Zunge, Verengung des Halses oder Atemnot. Lebensmittelallergien können tödlich sein. Die Diagnose beinhaltet etwa Hauttests oder Bluttests, die dem Arzt oder der Ärztin zeigen, auf welche Allergene der Körper sensibel reagiert. Wichtig ist, dass mit solchen isolierten Tests noch keine Aussage gemacht werden kann, die Resultate müssen im Kontext der individuellen Krankheitsgeschichte betrachtet werden.

Bei einer Lebensmittelintoleranz sind die Symptome sehr vielseitig und können verschiedene Systeme des Körpers betreffen. Zu nennen wären etwa Migräne, Reizbarkeit, Durchfall, Übelkeit, Blähungen und Bauchschmerzen. Von einer Intoleranz ist das Immunsystem nicht betroffen und es werden keine Antikörper produziert. Häufig sind Laktoseintoleranz und Weizenintoleranz, es gibt aber auch Intoleranzen gegenüber einer ganzen Liste von Zusatzstoffen wie zum Beispiel Salicylate, Amine oder Glutamate.

 

Im Widerspruch zur Praxis in manchen Kliniken gibt es keine Bluttests, die eine Lebensmittelintoleranz zuverlässig identifizieren können. Diese Tests sind normalerweise sehr teuer und schlagen eine sehr lange Liste an Lebensmitteln vor, die vermieden werden sollten. Die häufigsten ungewöhnlichen Tests sind jene, bei denen auf IgG-Antikörper getestet wird. IgG-Antikörper sind Proteine, die das Immunsystem als Antwort auf äussere Reize produziert. Beispiele wären Pollen, Nahrungsmittel oder Insektengift. IgG-Antikörper als Antwort auf Lebensmittel können aber auch in gesunden Kindern und Erwachsenen nachgewiesen werden, auch wenn gar keine Symptome auftreten. Es kann nicht nachgewiesen werden, dass die Messung von lgG-Atikörpern nützt, um Lebensmittelallergien oder – intoleranzen festzustellen. Oder dass die IgG-Antikörper überhaupt Symptome hervorrufen. Die einzige Möglichkeit, um eine Lebensmittelintoleranz zu identifizieren, ist leider eine sogenannte Eliminationsdiät: Während drei Wochen wird unter Aufsicht eines Experten oder einer Expertin nur sehr einfach und möglichst frei von Zusatzstoffen gegessen. Dann werden nach und nach alle verdächtigen Lebensmittel und Zusatzstoffe wieder eingeführt. Wenn die Symptome wieder einsetzen ist es wahrscheinlich, dass die gerade neu eingeführte Substanz dafür verantwortlich ist.

Was empfehlen Sie bei Laktoseintoleranz?

Ich leide selber unter Laktoseintoleranz. Betroffene haben die Wahl, entweder Laktose zu vermeiden oder aber ein Laktase-Enzym einzunehmen, wann immer Laktose konsumiert wird. Das Ausmass der Laktoseintoleranz kann sehr unterschiedlich sein, es ist wichtig zu wissen, wo die die eigene Grenze ist. Falls Sie sich entscheiden, alle laktosehaltigen Produkte zu vermeiden (alle Milchprodukte, wobei Hartkäse wie Gruyère, Emmentaler, Edamer oder Cheddar sehr wenig Laktose enthalten und toleriert werden können), helfen pflanzliche Produkte, wie zum Beispiel Nussmilch, Sojamilch, oder Kokosnuss-Produkte, sofern sie zusätzliches Kalzium enthalten.

Ich persönlich empfehle meinen KundInnen, sich verschiedenen Nährstoffen auszusetzen und zwischen Milchprodukten und den pflanzlichen Alternativen abzuwechseln.

Was empfehlen Sie bei Glutenintoleranz?

Glutenintoleranz ist ein sehr kontroverses Thema, da es sich inzwischen eher um einen Trend als um eine «Krankheit» handelt. Ich könnte stundenlang darüber sprechen. Einfach ausgedrückt gibt es zwei Gruppen von Menschen, die komplett auf Gluten verzichten sollten: Jene, bei denen eine Zöliakie diagnostiziert wurde (und zwar mittels Bluttest und Magen-Biopsie) und jene, die keine Zöliakie haben, aber empfindlich auf Gluten reagieren. Glutenintoleranz kann leicht mit Weizenintoleranz verwechselt werden, da bei Weizenintoleranz die Symptome schwer zu diagnostizieren sind. Es können selbst nach Stunden oder Tagen noch Symptome auftreten. Manche Betroffene schaffen es, eine leichte Weizentoleranz aufzubauen. Eine weizenfreie Ernährung kann aber helfen zu vermeiden, dass Symptome immer wieder auftreten. Wenn Sie den Verdacht auf eine Glutenintoleranz haben, empfehle ich einerseits, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen und andererseits, auf Selbstdiagnose und die oben erwähnten, unzuverlässigen Tests zu verzichten. Leuten, die sich für eine glutenfreie Ernährung entscheiden, rate ich, für eine ausgewogene Ernährung zu sorgen. Auf vorgefertigte, glutenfreie Produkte würde ich verzichten und stattdessen selber kochen, mit reichhaltigen Vollkorn-Alternativen wie Quinoa, braunem Reis, Buchweizen und Hirse. Denken Sie daran: Nicht alle Produkte mit «glutenfrei» Siegel sind auch gesund!

„Denken Sie daran: Nicht alle Produkte mit «glutenfrei» Siegel sind auch gesund!“

Drei Tipps von Sandra Mikhail für Ihre Gesundheit:

 

  1. Verzichten Sie auf Selbstdiagnose
  2. Nehmen Sie im Falle einer Allergie oder Lebensmittelintoleranz professionelle Hilfe in Anspruch
  3. Denken Sie daran, dass gluten- oder laktosefreie Produkte nicht per se auch gesund sind, kochen Sie frisch und vollwertig.
Sandra Mikhail

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