Wer Nein sagen kann, gewinnt

Das Gerechteste auf dieser Welt ist die Zeit. Jeder hat an einem Tag genau 24 Stunden davon. Und in diesen ist für niemanden genug Zeit für alles. Es geht also darum, Nein sagen können zu Vielem, um zu Wenigem aus der Vielfalt der Möglichen ein deutliches Ja sagen zu können.

Sie müssen die Kunst beherrschen, im richtigen Moment Nein sagen zu können, Nein zu Erwartungen der andern, ABER auch Nein zu eigenen Wünschen und Ansprüchen. Möchten Sie das für sich können?

Olivier Inhelder ist Organisationsberater und Coach BSO, Geschäftsführer des Beratungspools, Schulleiter, verheiratet und Vater einer erwachsenen Tochter.

Er kennt die «Ja-Fallen» bestens aus eigener Erfahrung. In seinen verschiedenen Rollen ist er selber immer wieder in Gefahr zu wenig «Nein» zu sagen. So lag es für ihn nahe, als Trainer und Coach die Herausforderung aufzugreifen und Menschen in ihrem Selbstmanagement zu unterstützen.

„Es geht also darum, Nein sagen können zu Vielem, um zu Wenigem aus der Vielfalt der Möglichen ein deutliches Ja sagen zu können.“

Wie merkt man, dass man zu wenig Nein sagt?

Eigentlich müsste man die Frage umgekehrt stellen. Wie merke ich, dass ich zu viel Ja gesagt habe, sei es explizit oder sei es einfach dadurch, dass ich etwas tue? Hier sind ein paar Anzeichen, auf die zu achten es sich lohnt:

 

  • Es fehlt mir die Zeit und/oder Energie für Dinge, die mir wirklich wichtig sind (private, soziale, berufliche)
  • Ich fühle mich unter Druck und gestresst, bin schnell gereizt und komme nicht dazu, mich zu entspannen.
  • Ich empfinde meinen Alltag als hektisch, lebe Aktionismus und habe zu wenig Zeit für Reflexion.

Die Gründe, warum es vielen von uns schwer fällt «Nein» zu sagen, sind vielfältig. Wenn wir uns auf die Schliche kommen und herausfinden, welches unser «Nein-Boykotteur» ist, ist es leichter, die Ängste, die wir mit dem Aussprechen eines «Neins» haben, zu überwinden.
Mögliche «Nein-Boykotteure»:

 

  • Angst etwas zu versäumen
  • Die Angst, abgelehnt und nicht mehr gemocht zu werden
  • Die Angst vor Konsequenzen
  • Das Bedürfnis gebraucht zu werden (kleines «Helfer-Syndrom»)

Dummerweise werden Bitten nicht immer geradlinig und durchschaubar, sondern etwas subtiler gestellt, sodass wir überrumpelt werden und in die «Ja-Falle» tappen.

Was ist die Gefahr, wenn man sich nicht genügend abgrenzt?

Seien Sie sich bewusst, dass Ihr Tag nur 24 Stunden hat. Für jedes Ja, auch für jedes halbherzige, sagen Sie bewusst oder eher auch unbewusst Nein zu anderen Optionen. Und Sie verpassen dadurch möglicherweise die wichtigen Dinge in Ihrem Leben, die Dinge, die Sie voranbringen, die Sie glücklich machen und mit denen Sie für andere den grössten Nutzen stiften können. Sie haben damit keine Prioritäten gesetzt – oder allenfalls einfach nicht die förderlichsten.

Für unseren Umgang mit dem knappen Gut «Zeit» wie auch für eine bewusste Lebensführung ist es fundamental wichtig zu wissen, wohin wir wollen und wohin wir nicht wollen (Selbstbestimmung), um nicht dort anzukommen, wo andere uns hinhaben wollen (Fremdbestimmung). Machen Sie sich bewusst, dass Sie es ohnehin nicht allen Menschen (KollegInnen, ChefIn, KundInnen) recht machen können.

Welche Methoden können helfen, um Nein zu sagen?

Nein sagen ist gar nicht so schwierig, wenn man «Ja!» zum Nein sagen sagt. Erst muss man sich allerdings klar darüber sein, ob ich mich vor eigenen oder vor fremden Ansprüchen abgrenzen will. Entsprechend muss ich den Hebel an einem anderen Ort ansetzen.

2 Methoden, um Nein zu sagen:

1. Sich selbst gegenüber Nein sagen mit der Not-to-do-Liste

Wenn Sie sich für etwas entscheiden, bedeutet das, dass Sie sich gleichzeitig gegen viele andere Dinge entscheiden. Während Sie einen Teil des Ersteren im besten Fall bewusst gemacht haben, z.B. mit einer To-do-Liste (die wirklich ernst gemeinten! Neujahrsvorsätze gehörten auch auf diese), dann bleiben trotzdem oft Dinge, die Sie tun, weil Sie sich nicht bewusst GEGEN diese entschieden haben. Das sind dann Dinge, wie Aufgaben, Gewohnheiten und Routinen (von damals), die Sie zwar (noch) tun, jedoch (derzeit) ein ungutes Gefühl dabei haben. Hier lohnt es sich aufzuräumen. Was dabei hilft ist eine Not-to-do-Liste.

In dieser Not-to-do-Liste halten Sie schriftlich fest, was Sie nicht mehr tun wollen. Damit machen Sie einen ersten Schritt, indem Sie sich bewusst machen, was in Ihrem Leben, in Ihrem Alltag keinen Platz mehr haben soll. Im zweiten Schritt wird es dann darum gehen, sich von diesen Aufgaben und Gewohnheiten verabschieden zu können oder sie durch sinnvollere Aktivitäten zu ersetzen. (Diesen zweiten Schritt zu beleuchten, würde den Rahmen dieser Beitrags sprengen.)

2. Andern gegenüber wertschätzend «Nein» sagen

Es ist schön, «Ja» zu sagen. Wer «ja» sagt, ist beliebt, macht Karriere. Aber wer «Ja» sagt, muss auch «Ja» tun. Und das kann Konsequenzen haben, beispielsweise (übermässig viele) Überstunden, weil man nicht getraut «Nein» zu sagen.

Bei einem guten Selbstmanagement gibt es genau zwei mögliche Antworten auf eine Anfrage «Kannst du mal eben …?»: Ja oder Nein.

Wenn Sie zugesagt haben, dann tun Sie, was Sie versprochen haben, ohne Reue. Dieses Mal haben Sie «Ja» gesagt, beim nächsten Mal könnten Sie ja «Nein» sagen.

«Nein» sagen, richtig verpackt, das wirkt und entlastet. Man kann «Nein» auf sehr freundliche, auf sehr charmante und wertschätzende Weise sagen. Ihr Ziel sollte es sein: Entweder ein freundliches «Nein» oder ein Kompromiss mit dem beide leben können.

Folgendes Vorgehen gepaart mit einer entsprechenden Haltung hat sich bewährt, um gemeinsam eine Lösung zu finden:

  1. Erst einmal zuhören. Aktiv zuhören gibt dem anderen das Gefühl: «Ich bin wichtig, ich werde geachtet.». Das bedeutet: ausreden lassen, Zuwendung signalisieren.
  2. Abwägen, was der andere will. Abwägen, was man selber will. Welche Konsequenzen hat ein «Ja», welche Konsequenzen hat ein «Nein»?
  3. Die eigenen Gedanken anschaulich darstellen. Das bedeutet: Mit eigenen Worten formulieren. Keine Monologe halten. Die eigene Befindlichkeit ansprechen. Achtung: Sagen freundlich, klar und ehrlich, was für Sie Sache ist, je kürzer und sachlicher, umso besser. Vermeiden Sie dabei sich zu rechtfertigen.
  4. Aufeinander zugehen. Gemeinsam eine Lösung suchen. Ein «Nein» ist für Ihr Gegenüber einfacher zu akzeptieren, wenn Sie konkrete Vorschläge machen, wie das «Problem» für beide Seiten befriedigend gelöst werden könnte. Hingegen helfen weise Ratschläge helfen nicht weiter, Schuldzuweisungen sind fehl am Platz und Killerphrasen, wie «sei flexibel», zerstören jeden Dialog.

Nun sind Sie dran: Gerne ermutige ich Sie, die eine oder die andere Methode während drei Wochen probeweise anzuwenden. Funktioniert’s, dann bleiben Sie dabei. Funktioniert’s nicht, dann haben Sie zwei Möglichkeiten:

 

  • Machen Sie weiter, wie bisher, denn irgendeinen Vorteil wird das bisherige Vorgehen schon haben, sonst hätten Sie es (längst) ändern können.
  • Gehen Sie Ihrem Verhalten auf den Grund und entwickeln Sie Lösungen, die für Sie optimal passen, z.B. im Rahmen eines Coachings.

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