Trennen oder zusammenbleiben?

Muss man um jeden Preis zusammenbleiben? Wann ist es sinnvoll, sich zu trennen? Was darf man vom Partner oder von der Partnerin nach den zahlreichen gemeinsamen Jahren erwarten? Was ist das Geheimnis glücklicher Paare?

Ein heikles Thema, dem sich Julianne Ferenczy, Coach, Mediatorin und Paartherapeutin, offen und anschaulich annähert.

Eine spannende Perspektive und ein Must-Read!

Welche Hürden sind zu nehmen, um als ein Paar langfristig glücklich zu sein?

Erst einmal darf jeder für sich selbst klären, ob im Einzelfall eine langfristige Beziehung zwingend Glück bedeutet. Es gibt Begegnungen von Menschen in einer kurzen Nacht, die mehr Tiefe, Bedeutung, Liebe und Intensität aufweisen, als so manche Dauer-Beziehung, in der man aneinander vorbei liebt und lebt. Die Dauer ist also nicht der alleinige Massstab für das Glück in einer Beziehung, sondern auch die Art und Weise der jeweils gelebten Verbindung. Die Frage verstehe ich also dahingehend, wie wir glücklich sein und bleiben können, auch wenn wir länger zusammen sind, und welche Hürden oder Hindernisse es auf einer längeren Zeitachse zu überwinden gilt. Ich unterteile das in drei Ebenen, nämlich die äussere, die innere, und die der Sichtweise:

 

  1. Die Bedingungen müssen stimmen. Wir verbinden Glück mit angenehmen Zuständen. Also sollte jeder Partner versuchen, die Situation positiv mitzugestalten, indem er/sie Angenehmes für sich selbst und für den anderen in die Beziehung hineingibt. Das geschieht auf materielle Weise durch Grosszügigkeit, oder emotional durch Liebe und Einfühlungsvermögen, sowie geistig durch unsere tägliche Sichtweise. Wir versuchen also so oft wie möglich offen, interessiert, beweglich, begeistert und freudvoll zu sein mit dem übergreifenden Verständnis, dass wir selbst und jeder Partner als Mensch schon ein kostbares „Wunder“ ist, an dem wir uns glücklicher Weise erfreuen können.
  2. Wir werden in jeder Beziehung früher oder später damit konfrontiert, dass uns immer der Spiegel vorgehalten wird. Wir glauben zwar, der Partner habe immer an unserem Übel Schuld. Unter dem Motto: Wenn der andere doch nur anders wäre, dann könnte ich glücklich sein! Der Grund für unsere Unzufriedenheit sind aber immer wir selbst, und das ist unsere grosse Chance! So können wir also mit uns selbst eine grossartige Liebes-Beziehung eingehen und durch diese Übung beginnen, auch den anderen gleichermaßen zu lieben. Fazit: Wer sich selbst liebt, kann auch andere lieben. Je mehr wir uns selbst verstehen, annehmen und mögen, wie wir sind, umso mehr Verständnis, Empathie und Liebe werden wir auch für unseren Partner entwickeln. Im Rahmen dieses gegenseitigen Spiegelns lernen wir, „gewaltfrei“ zu kommunizieren, also ohne Vorwürfe und Schuldzuweisungen auszukommen. Eigene Wünsche und Vorstellungen mitzuteilen, und dem anderen ebenfalls unvoreingenommen zuzuhören, das ist die zu entwickelnde Kunst.
  3. Bei allen langjährigen Beziehungen gilt es irgendwann herauszufinden, welche gemeinsamen Ziele man hat, die über das einfache Paar-Sein hinausgehen. Sonst unterliegt die Liebe schnell der Vergänglichkeit. Wir leben nicht nur von schönen Wohnzimmereinrichtungen, dem Fernseh-Programm und der sozialen Grillgruppe, mit der wir uns am Wochenende treffen. Wir werden vielmehr begeistert von Visionen und Aktivitäten, die uns zusammen als Paar über das tägliche Allerlei hinauswachsen lassen. Wenn man sich nur mag, weil das Tennisspielen zusammen so schön ist, dann wehe dem, der plötzlich nicht mehr fit ist. Für den kann sein Schwächeln am Netz bald auch das Aus seiner Beziehung bedeuten. Stattdessen gemeinsam zeitlose Werte zu teilen in Spiritualität, Religiosität, Menschenliebe, Tier- oder Umweltschutz, Nachbarschaftshilfe, politisches Engagement, Fürsorge für andere, usw., bringt aus der Zweisamkeit etwas Vorteilhaftes auch für andere Menschen hervor (1 + 1 = 3) und macht somit auch die Paar-Verbindung nicht nur sinnvoll und glücklich, sondern zeitlos.

Was kann man nach vielen Jahre in einer Beziehung noch „erwarten“ in Sachen Verführung oder Aufmerksamkeit?

Das hängt immer auch von der Art der Verbindung ab und welcher Typus Mensch auf einander trifft. Wer schon am Anfang der Beziehung eher kumpelhaft ohne große Erotik und Verführungskunst zusammengekommen ist, wird wohl auch später nicht gerade zum Rosenkavalier mutieren und zur Stangenschlange (auch Pool-Dance genannt).

Wir alle haben gewisse Verhaltensmuster, an denen wir gerne festhalten, gepaart mit wiederholt schwindender Offenheit und mangelnder Aufmerksamkeit, worin wir aus Gewohnheit versinken und uns dadurch dem anderen (und der Liebe und dem Glück) entziehen. Aber natürlich kommen wir auch immer wieder aus diesen Tiefen, diesem Desinteresse und der Dumpfheit hervor, früher oder später, mit weniger oder mehr drohenden Worten und fordernden Wünschen des Partners. Paare können sich immer wieder inspirieren und unterstützen, über ihre Gewohnheiten und emotionalen Grenzen hinauszugehen, gemeinsam Neues auszuprobieren, sich für Dinge zu begeistern, sich gemeinsam vom Leben „verführen“ zu lassen, immer wieder neue Begegnungen mit sich und anderen zuzulassen, und insbesondere aufmerksam für die kleinen Dinge der Zweisamkeit zu sein.

Diese Aufmerksamkeit erzielt man am leichtesten durch Dankbarkeit. Jeden Morgen kann man aufwachen und sich selbst und ab und zu gern auch mal dem/der Liebsten sagen: Danke, dass wir (noch) zusammen sind. Was für ein Wunder!

„Danke, dass wir (noch) zusammen sind. Was für ein Wunder!“

Wie kann man die Routine in einer Beziehung als etwas Positives sehen?

Routine bedeutet, man beherrscht eine Sache so gut, dass man darüber nicht mehr nachdenken muss, wie man sie zu tun hat. Etwas wird zur Gewohnheit, weil wir es regelmäßig wiederholen und wir werden darin routiniert. Wir werden bestenfalls sogar zu Meistern darin. In der Paar-Beziehung liefern wir also z.B. nach jedem Aufwachen den perfekten Guten-Morgen-Kuss. Nach jedem Nachhause kommen eine erfüllende Umarmung und das meisterhafte Zuhören und Erzählen von der Arbeit und dem Tag. Nach jedem Streit bester Versöhnungssex. Jeden Samstag nach dem Frühstück der gemeinsame Bummel über den Markt. Immer Weihnachten, wenn die Familie unter dem Baum sitzt, gibt es das gleiche Lieblingsessen. Und auch im Bett weiß man schon, was kommt.

Denn warum sollte man das, was so gut gefällt, dem anderen plötzlich vorenthalten wollen. Damit gibt es also kaum noch Überraschungen, aber auch keine bösen. Und weniger Enttäuschungen. Denn auf die Routine ist Verlass. Da kann man sich entspannen, es sich einfach gut gehen lassen und gemeinsam glücklich sein. Das Leben selbst wird dann schon für unvorhersehbare Wendungen sorgen, meist ob wir wollen oder nicht. Und falls es dann mal hart auf hart kommt, kann eine große Portion Routine innerhalb der Beziehung nicht schaden. Denn da weiß jeder schon aus Gewohnheit, wie er/sie den anderen wieder froh macht!

„Denn auf die Routine ist Verlass. Da kann man sich entspannen, es sich einfach gut gehen lassen und gemeinsam glücklich sein“

Kinder bringen viel Glück, sind aber auch oft eine Herausforderung für das Paar. Was raten Sie?

Das Wichtigste, was sich Paare schon vor der Geburt ihres ersten Kindes versprechen sollten ist, dass das Eltern-Glück immer an erster Stelle steht! Denn nur glückliche Eltern können Kinder glücklich machen. Umgekehrt gilt, dass unzufriedene, emotional und geistig unterernährte Erwachsene weder positive Vorbilder noch Glücks- und Liebesquellen für ihre Kinder (und auch für sonst niemanden) sind.

Deshalb gilt es, sich als Paar regelmäßig eine Auszeit zu nehmen, man nennt das auch „Quality Time“ oder „Ehe-Dating“. Dafür sollte man gute Kontakte zu Großeltern und Babysittern pflegen und den Kindern erlauben, auch mal ohne die Eltern froh zu sein

Wie weiß man, ob es sich weiterhin lohnt, in der Beziehung zu bleiben, oder wann es besser ist, sich zu trennen?

Schwierigkeiten gibt es in den besten Ehen, wie es so schön heißt. Sie gehören zum Leben dazu, können sehr kreativ sein und uns helfen, auch innerhalb von Streit und Auseinandersetzung mehr Liebes- und Glücksfähigkeiten zu entwickeln. Aber für jeden von uns gibt es Zeichen der Beziehungs-Intoleranz. Sobald deren Obergrenze erreicht ist, sollte man sich die Freiheit gönnen, eigener Wege zu gehen. Denn wie alles andere auch, sind Ehen und Beziehungen der Veränderlichkeit und Vergänglichkeit unterworfen. Und die Liebe und das Glück werden nicht danach bemessen, wer am längsten aushält. Es kann sogar von mehr Liebe und Verstand zeugen, wenn man im richtigen Moment geht. Auf drei Ebenen gibt es Zeichen, ob der Zeitpunkt der Trennung gekommen ist:

 

  1. Die verletzenden Dinge innerhalb der Beziehung nehmen Überhand und betragen mehr als 50 % im Verhältnis zu liebevollen Gesten und körperlicher Zärtlichkeit, zu lobenden und bejahenden Worten und aneinander interessiertem Austausch, sowie zu gegenseitigem Respekt und auch vor anderen Leuten gezeigter Wertschätzung des Partners.
  2. Unsere Wünsche für unser Leben und für die Entwicklung unseres vollen Potentials finden weder Anklang und Unterstützung bei dem anderen noch fühlen wir uns von dem Partner in unserem Fortkommen inspiriert.
  3. Beide Partner schaffen es nicht (mehr), den anderen als spannendes Einzelwesen in dessen Individualität, Andersartigkeit, Vielschichtigkeit und Selbständigkeit zu genießen und daraus gemeinsamen Vorteil zu ziehen.

Wenn einer sich dann tatsächlich trennt, dankt man der gemeinsam geteilten Liebe und Zeit, und lässt jegliche Rachegefühle oder Nicht-Verzeihen-Können los. Stattdessen freut man sich über neue und bisher noch nicht gelebte Möglichkeiten und weiß, auch der Ex-Partner will nur froh sein. Denn sonst bleibt man in einer unglücklichen Beziehung stecken, obwohl der andere zumindest emotional schon längst über alle Berge ist. Sind beide schlau, auch im Interesse eventuell beteiligter Kinder, dann trennen sie sich mit der Einstellung: Möge jeder von uns sehr glücklich werden, vielleicht sogar mit einem anderen liebenden Partner, der ab jetzt besser passt – zumindest bis auf Weiteres!

Mediatorin • Beraterin • Vortrags-Kabarett

Julianne Ferenczy, geboren in Hamburg, lebt seit 2016 in der Schweiz. Sie schöpft ihre Erfahrung aus der Beratung von Paaren und Familien als Rechtsanwältin, Mediatorin und Coach, aber auch als Referentin buddhistischer Inhalte sowie „Fachfrau für Lebensfragen“ bzw. Vortrags-Kabarettistin auf der Bühne mit GLÜCK – BITTE HER DAMIT! und aktuell LIEBE – BITTE SOFORT & FÜR IMMER! Ihre erhellende „Lebensberatung“, die humorvoll, anschaulich und alltagsnah herüberkommt, bietet sie auch im Rahmen von Seminaren an.

Foto: Brooke Cagle on Unsplash

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