Was sagen Ihnen Ihre Emotionen?

Es ist nicht unbedingt populär, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen, speziell bei sogenannten «negativen» Gefühlen (wobei der Begriff «negativ» schon einiges aussagt). Vielleicht haben Sie auch schon erlebt, wie sich jemand in der Öffentlichkeit seinem/ihrem Ärger Luft macht und die PassantInnen schauen entgeistert zu? Oder wie jemand weint oder in Panik gerät und die Umstehenden schauen hilflos zu und wissen nicht, wie reagieren?

Es fällt vielen Menschen schwer, zu Gefühlen wie Wut, Eifersucht, Angst oder Neid zu stehen. Gerade wenn unerwartete Probleme negative Gefühle auslösen und uns den Eindruck vermitteln, die Situation nicht im Griff zu haben. Kann es aber schlecht sein, die eigenen Gefühle auszuleben? Denn auch negative Emotionen gibt es nicht ohne Grund. Was wollen sie uns sagen?

Wir haben diese Fragen folgenden drei ExpertInnen gestellt:

 

  • Yves-Alexandre Thalmann, Psychologe, Dozent und beliebter Redner im Bereich interpersonellen Kompetenzen (speziell in der französischen Schweiz), ausserdem Autor der berühmten „Übungshefte“
  • Anne Combes, erfahrene Bachblüten-Therapeutin aus Gland (VD)
  • Marie-Paule Honnert, Aromatherapeutin, die in der Deutschschweiz für die ayurvedische Marke Oshadhi verantwortlich ist

Das wichtigste vorweg: Drei Tipps von Annes Combes, Yves-Alexandre Thalmann und Marie-Paule Honnert:

Unsere Emotionen helfen uns, unseren inneren Weg zu gehen.

Alle unsere Gefühle sind positiv, da sie uns zeigen, dass gerade etwas wichtiges passiert, das unser Gleichgewicht erschüttern kann.

Wenn die Organe im Gleichgewicht sind, sind es unsere Emotionen auch – wenn unsere Gefühle im Gleichgewicht sind, geht es auch unseren Organen gut.

Was sagen uns sogenannt «negative» Emotionen wie Wut, Eifersucht oder Traurigkeit?

Yves Thalmann:

Die Emotionen sind Forschungsschwerpunkt verschiedener WissenschaftlerInnen, denn als grundlegende Dimension des Menschseins ist die Fähigkeit, Gefühle zu empfinden zentral in unserem Leben. Allerdings geistern immer noch viele ungenaue Vorstellungen zum Thema herum. Am verbreitetsten ist die Idee, dass es negative Gefühle gibt. Tatsächlich sind alle unsere Gefühle insofern positiv, dass sie uns zeigen, dass gerade wichtig passiert, das unser Gleichgewicht erschüttern kann.

Könnten wir zum Beispiel die Furcht abschaffen, würden wir Gefahren nicht mehr erkennen und uns risikoreiches Verhalten angewöhnen. Könnten wir keine Wut empfinden, würden wir uns schlecht behandeln lassen, unfähig, auf Grenzüberschreitungen oder Ungerechtigkeiten zu reagieren. Ohne Traurigkeit würde wir verlustreiche Erfahrungen, die eine Verhaltensänderung unsererseits fordern, gar nicht erst hinterfragen (Liebeskummer hilft zum Beispiel, einen passenderen Partner oder eine passendere Partnerin zu suchen). Die Scham verhindert, dass wir uns gehen lassen. Schuldgefühle sind eine Art innere Polizisten, die uns daran hindern, uns anderen gegenüber schädlich zu verhalten. Der Neid lenkt unsere Aufmerksamkeit auf Dinge, die uns fehlen. Und Eifersucht im Kontext einer Beziehung erinnert uns daran, wie wertvoll die Verbindung ist, und dass wir sie schützen sollen.

Anne Combes:

Unsere emotionalen Reaktionen erinnern uns daran, dass wir die Verbindung zu unserem wahren Ich gekappt haben. Die Methode von Dr. Bach strebt Harmonie zwischen dem wahren Ich und dem aktuellen Ich an. Unseren eigenen Weg zu gehen, bedeutet Glück. Wenn wir aus irgendeinem Grund einem anderen Weg folgen (zum Beispiel auf Grund von gesellschaftlichem Druck, wegen unserer Erziehung oder weil wir dem Weg folgen, dem wir glauben, folgen zu müssen), entsteht ein Konflikt, eine emotionale Belastung, welche auch Ursache für alle unsere physischen Probleme ist. Bei Dr. Bach werden Gemütszustände in sieben Gruppen unterteilt: Ängste; Unsicherheit; Interesselosigkeit; Einsamkeit; Mangelnde Abgrenzungsfähigkeit gegen fremde Einflüsse; Niedergeschlagenheit und Verzweiflung; übermässige Sorge um andere Menschen.

Marie-Paule Honnert:

Vorweg muss ich anmerken, dass unsere Gefühle und Emotionen zu den inneren Faktoren zählen. Ein Ereignis kann bei unterschiedlichen Menschen ganz unterschiedliche Gefühle auslösen, die Reaktion hängt von der persönlichen Verfassung ab.
In der Traditionellen Chinesischen Medizin geht man davon aus, dass ein Zusammenhang besteht zwischen den wichtigsten fünf Gruppen von Emotionen und den wichtigsten Organen. Die Angst hat zum Beispiel Einfluss auf Niere und Blase; Zorn und Wut wirken erhitzend und schädigen die Leber und Galleblase, die auch anfällig auf Frustration und Stress ist. Man kann wütend und aggressiv sein, weil man ein Leberproblem hat, oder man kann ein Leberproblem haben, weil man oft wütend ist.
Wer an Neurodermitis leidet, kennt wahrscheinlich auch den Zusammenhang zwischen der psychischen Verfassung und dem Zustand der Haut.

Wie sollen wir handeln, wenn wir schliesslich verstanden haben, was uns unsere Gefühle sagen wollen?

Yves Thalmann:

Gefühle sind zwingende Reaktionen, die für das Überleben unserer sehr frühen Vorfahren sehr nützlich waren. Es braucht Zeit, einen logischen Gedankengang zu tätigen (bestimmte Zonen in der Hirnrinde müssen dafür aktiviert werden) und genau diese Verzögerung kann tödlich sein: Darüber nachzudenken, wie gefährlich eine Situation ist, kann schon ausreichen, um selber Opfer zu werden. Deswegen verfügt das Gehirn über ein emotionales System. Es hilft, sofort reagieren zu können, wenn eine potentielle Gefahr wahrgenommen wird. Emotionen haben lange Zeit das Fortbestehen unserer Art gesichert. An die Emotionen waren «automatische» Verhaltensweisen geknüpft, durch die, einer ausgefeilten Logik folgend, Bedürfnisse erfüllt und Mängel behoben wurden. Die Angst zum Beispiel zeigt Gefahr an und bereitet den Körper darauf vor, zu flüchten. Wut signalisiert eine Ungerechtigkeit oder ein Hindernis und bereitet den Körper darauf vor, zu kämpfen. In unserem Hirn sind Verhaltensweisen quasi vorprogrammiert um auf die häufigsten Gefühle zu reagieren. Diese automatischen Reaktionen sind allerdings nicht unbedingt an unsere heutigen Lebensbedingungen angepasst. Sie helfen uns nicht zuverlässig, uns in den komplexen Situationen, in denen wir uns heute oft wiederfinden, zielführend zu verhalten.

Es ist also sinnvoll, unser Verhalten von unseren Gefühlen zu entkoppeln. Den Chef zu bedrohen oder zu schlagen, wenn er sich ungerecht verhält, ist keine gute Idee. Zu flüchten, wenn wir einen Vortrag halten oder uns einer medizinischen Untersuchung unterziehen müssen, hilft nicht weiter. Wir können uns nach einer gescheiterten Beziehung nicht einfach zuhause einsperren oder nach einem peinlichen Vorfall nicht mehr zur Arbeit zurückkehren; wir können unseren Partner oder unsere Partnerin nicht auf Schritt und Tritt kontrollieren. Die aufgezählten Verhaltensweisen kreieren eher zusätzliche Probleme, als welche zu lösen. Sinnvoller ist es, bewusst jenes Verhalten auszuwählen, dass am besten an die Situation angepasst ist und hilft, die aktuellen Bedürfnisse zu erfüllen.

Anne Combes:

Die Gefühle, dieses unglaubliche Werkzeug, auch nutzen! Nach der Methode von Dr. Bach lernt der Therapeut zuerst die aktuellen Gefühle kennen um nach und nach auch tiefere Gefühle zu verstehen. Nach jeder Sitzung schlägt er eine entsprechende Mischung aus Blütenelixieren vor. Das Ziel dieser Elixiere ist es, dass der Patient oder die Patientin Stück für Stück Gefühle und Gemütszustände eliminieren kann, die sie oder ihn daran hindern, innerlich eins zu sein und persönliche Ziele zu verfolgen. Meistens träumen Menschen intensiv, wenn sie anfangen, Bachblüten zu nehmen. Diese Träume helfen, die Gründe für die negativen Emotionen zu verstehen. Oder es sind Träume, um überflüssige oder unnütze Gefühle «abzustossen».

Marie-Paule Honnert:

Wenn die Organe im Gleichgewicht sind, sind es unsere Emotionen auch – wenn unsere Gefühle im Gleichgewicht sind, geht es auch unseren Organen gut. Es tut gut, negative Gefühle «rauszulassen». Wenn ich wütend bin, und nicht nach draussen gehen kann, um zu laufen, kann ich mir auch ein Kissen holen und darauf einschlagen. Bei Ängsten ist die Niere zu stärken, früher hat man dafür Rinderbrühe gegessen. Wenn die Oma sagte, man solle die Nieren warmhalten, hatte das auch einen guten Grund! Aus der Pflanzenwelt helfen bei Angst zum Beispiel Lavendel, Jasmin, Orangenblüten, Lorbeer, Angelikawurzel, entweder ätherische Öle oder Pflanzenwasser. Napoleon, als Korse/Sizilianer aus der Region der Zitrusfrüchte, kannte die beruhigende Wirkung der Orangenblüten, er ging nie ohne diese Essenzen auf seine Welteroberungen. Es wird berichtet, dass er sich regelrecht davon überschüttete!

Was bedeutet es, wenn wir immer wieder mit denselben Gefühlen konfrontiert sind?

Yves Thalmann:

Das kann zwei Dinge bedeuten: Entweder wir haben es noch nicht geschafft, in unserer Umwelt zu ändern, was diese Gefühle auslöst. Oder aber die Gefühle werden ausgelöst durch unpassende Gedanken. Im ersten Fall ist es emfpehlenswert, die Situation zu ändern. Wenn wir uns zum Beispiel immer wieder über ein Verhalten unserer Kinder ärgern, dass wir als respektlos empfinden, müssen wir uns eine andere erzieherische Massnahme überlegen. Das Gefühl sagt uns lediglich, dass ein Bedürfnis nicht erfüllt ist.

Unsere Gefühle sind aber nicht immer Antworten auf reelle Situationen, sondern auch auf Gedanken: Wir fürchten uns vor der Zukunft, wir sind eifersüchtig aufgrund unserer eigenen Vorstellung, es sind unsere Erinnerungen, die uns traurig machen. In diesen Fällen müssen wir an unseren Gedanken arbeiten, nicht an unserer Umwelt. Achtsamkeits-Meditation ist eine Möglichkeit (unter anderen), um eine gesunde Distanz zu unseren Gedanken zu erhalten: Sitzend oder liegend und vollkommen bewegungslos konzentrieren wir uns ganz auf unsere Sinnesempfindungen. Kommt ein Gedanke auf, lassen wir ihn ganz entspannt wieder verschwinden, so wie er gekommen ist. Beginnen Sie mit einer kurzen Session von zwei Minuten und steigern Sie die Dauer kontinuierlich.

Anne Combes:

Das könnte bedeuten, dass die betroffene Person an einem wichtigen Punkt ist. Jetzt kann er oder sie die gleiche Mischung mehrmals verwenden, bis er oder sie sich wohlfühlt. Hier sind die Gefühle auch ein Indikator um zu wissen, wann die Essenz gewechselt werden kann. Es kann sich auch um ein leicht anderes Gefühl der gleichen Gruppe handeln. Für die Angst zum Beispiel hatte Dr. Bach fünf Typen identifiziert: Konkrete Angst, vage Angst, diffuses Gefühl von Unruhe, Angst um andere, die Angst, bei Überbelastung den Boden unter den Füssen zu verlieren, ausserdem Traumata.

Marie-Paule Honnert:

Dann hilft es, sich die passende Pflanze zu suchen. Wichtig ist es, nicht nur die Wirkung der Pflanze, sondern auch die eigene Konstitution zu berücksichtigen. Wenn ich oft friere, also gemäss ayurvedischer Lehre eine «Vata»-Konstitution habe, ist es besser, meine Ängste mit einer wärmenden Pflanze zu behandeln, zum Beispiel mit Rosmarin. Der Rosmarin sieht ja aus wie ein kleiner Nadelbaum, ist aber ein Busch. Er will aber ein grosser Baum sein und trägt diese Kraft auch in sich. Die Zimtrinde oder Karottensamen helfen wunderbar um Wärme und Sicherheit zu spüren. Wenn ich hingegen eine hitzige Person bin, im Ayurveda «Pitta» genannt, die eh schnell an die Decke geht, ist Rosmarin keine gute Idee, dann empfehle ich eher kühlende Pflanzen wie die Pfefferminze oder den Koriander. Und zwar in Form von ätherischen Ölen oder Hydrolaten, also Pflanzenwässer, die viel sanfter sind als ätherische Öle, wie z.B die Rose und Lavendel.

Soll man seine Gefühle «verwalten» oder ausleben?

Yves Thalmann:

Die zwei Ziele ergänzen sich: Leben, das bedeutet, auf seine Gefühle zu hören um herauszufinden, wie unsere Bedürfnisse erfüllt werden können und Gefühle so zu kontrollieren, dass sie unser Verhalten nicht unmittelbar steuern. Gefühle können wie Botschaften funktionieren, die gehört werden sollten, die Reaktion darauf muss aber auch kanalisiert werden. Im Allgemeinen werden drei Phasen durchlaufen: In der ersten Phase ist die betroffene Person fähig, das empfundene Gefühl zu identifizieren, zu benennen und in der Ich-Person auszudrücken (z.B. «Ich bin wütend»). Die zweite Phase besteht daran, die Gefühle von unserem Gegenüber zu erkennen (Ich sehe, dass du traurig bist). Und schliesslich besteht die dritte Phase darin, jene Gedanken, die unsere Gefühle unwillkürlich begleiten, durch positive Gedanken zu ersetzen. In meinem Buch werden die drei Etappen genauer beschrieben.

Anne Combes:

Dr. Bach hatte vorgeschlagen, Gefühle so auszuleben, dass ein Gleichgewicht zwischen den konstruktiven und negativen Aspekten erhalten bleibt. Wir erleben immer wieder die gleichen negativen Gefühle. Schritt für Schritt wird die betroffene Person weniger von den negativen Gefühlen in Beschlag genommen und kann anfangen sich selber besser zu fühlen, Lust haben, sich etwas Gutes zu tun, Pläne zu schmieden und sie zu verwirklichen. Wenn zum Beispiel jemand aus Angst vor einem Unfall nicht Autofahren mag, kann er oder sie das Elixier «Mimulus» anwenden. Es gibt Mut, verändert die Perspektive auf die Angst vor dem Fahren. Die betroffene Person wird weniger im Konflikt mit anderen sein und bei sich und bei den anderen die positiven Seiten des Seins sehen und nicht nur die negativen.

Marie-Paule Honnert:

Wenn man merkt, dass man zu negativen Gefühlen neigt, soll man prophylaktisch handeln. Es braucht gar nicht viel: Bei schönem Wetter an die Sonne gehen, da wird Serotonin ausgeschüttet; tägliche Bewegung; frisches Essen statt Fastfood und Fertiggerichte; ein gesunder Rhythmus und eine Schlafenszeit vor 23h (dann beginnen Galle und danach die Leber ihre Arbeit. Diese Organe sollten nicht gestört werden, wenn Sie auf Hochtour arbeiten). Es lohnt sich auch, sich beraten zu lassen von einem/einer AromatherapeutIn, jemand, der Sie in der Welt der Düfte begleiten kann. Die ätherischen Öle bzw. die Düfte gelangen direkt in unser limbisches System, dem Sitz unserer Emotionen. Wenn die Emotionen aus dem Gleichgewicht geraten, ist es wichtig, das Problem schnell zu lösen. Man soll sich natürlich Zeit lassen, zum Beispiel um zu trauern. Das Problem sollte aber nicht chronisch werden, sonst werden Lunge und Herz geschwächt.

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